Kultur

Premiere am Staatstheater Nürnberg

"La Bohème": Abgebrühte Künstler auf hartem Großstadtpflaster

vor einem Jahr

Puccinis Oper "La Bohème" gilt als sentimental und hat leider nichts an Aktualität verloren: Reich werden freie Künstler nämlich auch heute selten, und viele Großstädte sind für sie unerschwinglich. Nachtkritik von Peter Jungblut.

Das monatliche Durchschnittseinkommen der freien Schriftsteller, Musiker und Schauspieler hierzulande liegt derzeit bei weniger als 1300 Euro brutto. In Paris kann sich davon garantiert niemand anständig ernähren - insofern ist Puccinis Oper "La Bohème" betrüblich zeitgemäß. Sogar an der Schwindsucht sterben heutzutage ja durchaus noch Menschen - wie die unglückliche Mimi, deren "eiskaltes Händchen" sprichwörtlich geworden ist.

Herzerwärmend, zu Tränen rührend

Nun steht Puccini traditionell im Verdacht nicht nur gefühlvoll, sondern auch gefühlsduselig komponiert zu haben, und gerade "La Bohème", das sentimentale Drama um arme Künstler, die in der Kälte frieren, wird gern als eine Art "Hänsel und Gretel" für Erwachsene in der Weihnachtssaison gezeigt: Heimelig, herzerwärmend, zu Tränen rührend. 

Im Nachkriegs-Paris wird wild gefeiert

In Nürnberg verlegten die beiden jungen Ungarinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka die Handlung in das Nachkriegs-Paris. Amerikanische Soldaten werfen mit Dollarscheinen um sich, die Häuser liegen teilweise noch in Trümmern, die Kinder haben rußgeschwärzte Gesichter, das Elend ist groß. Im Café Momus wird trotzdem wild gefeiert, die Prostituierten können über Kundschaft nicht klagen. Das sieht alles sehr gefällig und unterhaltsam aus, der Applaus am Ende ist denn auch sehr lebhaft. 

Tierblut und rote Farbe

Irritierend ist nur eine kurze Szene im vierten Akt, eine Satire auf die Wiener Aktionisten, die bekanntlich gern nackte Menschen mit Tierblut übergossen haben. Hier wird eine junge Frau von den vier armen Künstlern bedrohlich mit roter Farbe bepinselt und malträtiert - ist das noch derber Scherz oder schon eine Vergewaltigung? Jedenfalls lässt es die Künstler reichlich aggressiv und rücksichtslos aussehen. Weil sie sich ansonsten jedoch überaus brav und bieder durch die Geschichte bewegen, wirkt das einigermaßen rätselhaft und beliebig.

Hartes Großstadtpflaster

Erfreulich glaubwürdig ist die Besetzung gelungen: Die Solisten blödeln, schäkern und provozieren tatsächlich wie ausgelassene Studenten der Kunstakademie. Das junge Ensemble agiert glaubwürdig und einfallsreich. Keiner der Beteiligten starrt hilflos auf den Dirigenten, keiner hat Angst, die volle Bühnenbreite als Spielfläche zu nutzen. Insofern haben die beiden Regisseurinnen sorgfältig geprobt und den Raum optisch ausgesprochen klug aufgeteilt. Es ist weder ein kitschtriefendes, noch ein märchenhaftes Paris, das sie zeigen, sondern ein hartes Großstadtpflaster, auf dem sich niemand wundert, wenn die abgebrühte Lebedame Musetta ihren Gönner Alcindoro in aller Öffentlichkeit an der Hundeleine Gassi führt. In Berlin zumindest soll das ja tatsächlich vorkommen. 

Nicht modisch, nicht angestrengt

Dirigent Gábor Káli neigte leider zu einer etwas sehr scharfen Gangart, was ihm am Ende einige wenige Proteste einbrachte. Etwas mehr französische Lebensart und italienische Lässigkeit hätten dem Klangbild gut getan. Umjubelt war einmal mehr die armenische Sopranistin Hrachuhí Bassénz als todkranke Mimi. Ihr Partner, der türkisch-österreichische Tenor Ilker Arcayürek als Rodolfo hatte eine herrlich lyrische Stimme, aber leider noch nicht ganz das Volumen, um seine Emotionen lodern zu lassen. Sehr beeindruckend der junge türkische Bariton Levent Bakirci als eifersüchtiger Marcello, und Michaela Maria Mayer als seine leidenschaftliche Muse Musetta beherrschte jederzeit die Szene. Insgesamt eine absolut mehrheitsfähige, solide und bestens einstudierte Interpretation der "Bohème" - nicht modisch, nicht angestrengt, sondern sehr unterhaltsam. So malerisch kann der Schnee noch viele Jahre im Weihnachtsprogramm des Staatstheaters Nürnberg rieseln.

 

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