Bayern

Premiere am Staatstheater Nürnberg

Waterboarding im Taufbecken: "Die Jüdin" verzweifelt an Religion

vor 2 Jahren

Seine Familie (Levi) stammt aus Fürth: 1835 komponierte Fromental Halévy seine Große Oper "Die Jüdin" für die Pariser Oper. Thema ist der Antisemitismus, hier am Beispiel des Konstanzer Konzils von 1415. Nachtkritik von Peter Jungblut.

Nein, Hakenkreuze waren auf der Bühne nicht zu sehen, und auch keine braunen Uniformen, obwohl Regisseurin Gabriele Rech die inzwischen wieder häufiger gespielte "Jüdin" optisch in die dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts verlegte, also in die Zeit des Nationalsozialismus. Aber was wäre naheliegender und somit langweiliger, abgenutzter und oberflächlicher, als in einer der ganz wenigen Opern über Antisemitismus einmal mehr Nazis aufmarschieren zu lassen?

Verzicht auf NS-Symbolik

Für die Shoah, den Massenmord an den Juden im Dritten Reich, kann es keine angemessenen Bilder geben, nicht in der Oper und nicht im Film - und ganz gewiss konnte der französische Komponist Fromental Halévy vor knapp 200 Jahren die Verbrechen der SS nicht vorausahnen. Also verzichteten Gabriele Rech und ihr Ausstatter Dieter Richter taktvoller Weise in ihrer Inszenierung auf jede NS-Symbolik: Uniformierte ohne erkennbare Nationalität sind für die Hinrichtungen zuständig und wiegeln das Volk auf.

Antisemitismus ohne Grenzen

Die jüdischen Opfer werden mit Davidsternen gebrandmarkt und müssen Schilder in französischer Sprache durch die Stadt tragen. Ein Kardinal gibt dazu seinen bösartigen Segen. Das könnte sich auch im faschistischen Spanien zutragen, im stalinistischen Russland oder in irgendeiner Balkan-Diktatur der Zwischenkriegszeit. Antisemitismus kannte und kennt ja mit und ohne Schengen leider keine Grenzen.

"Die Jüdin" ist gar keine

Elektrische Grablichter links und rechts des Souffleurkastens machen über gut drei Stunden hinweg deutlich, leider auch überdeutlich: Der Kampf der Religionen nimmt auf Menschenleben keine Rücksicht. Es ist fast schon tragikomisch, um nicht zu sagen zynisch, dass die einzige Person, die in dieser Oper hingerichtet wird, nämlich die titelgebende "Jüdin", auch von allen die einzige ist, die gar keinen rechtmäßigen Glauben hat, weil sie weder christlich getauft ist, noch von Juden abstammt, wie sich am Ende herausstellt.

Tragisches Ende war Halévy wichtig

Tatsächlich steht Rachel also ohne Religion zwischen den Fronten, freilich ohne selbst davon zu wissen: Der Kardinal ist ihr leiblicher Vater, der Jude Eléazar hat sie aufgezogen, und der christliche Léopold will sie zwar lieben, kann sie aber nicht heiraten. Ein wahnwitziger Irrgarten der Religionen also. Kein Wunder, dass die "Jüdin" daran zerbricht und eine Rettung in letzter Minute ablehnt - ein tragisches, tödliches Ende, das dem Komponisten Fromental Halévy, dessen Familie übrigens aus Fürth stammte, sehr wichtig war. Zunächst hatte der Textdichter einen versöhnlicheren Schluss vorgeschlagen, etwa eine Begnadigung durch den Kaiser. Das war dem Juden Halévy zu unrealistisch.

Rachedurstiger Jude, gravitätischer Kardinal

Entsprechend düster endet auch die Nürnberger Inszenierung: Rachel wird im Taufbecken per "Waterboarding" ertränkt - ein erschütterndes Schlussbild, zumal es die drei Männer, die um sie kämpften, in Verzweiflung stürzt. Leider waren nicht alle Einfälle von Regisseurin Gabriele Rech ähnlich ergreifend. Die unfreiwillig komischen Liebesszenen misslangen gründlich. Mitunter wirkten die Personen arg unbeteiligt oder bemüht, besonders Tenor Uwe Stickert als Liebhaber Léopold schien schauspielerisch völlig überfordert, wenngleich er konditionsstark sang. Der viel beschäftigte Chor stand überwiegend statisch wie eine Hochzeitsgesellschaft auf den Podesten. Leah Gordon als Titelheldin Rachel ließ wirkliche Leidenschaft vermissen und sah in ihren biederen Kostümen arg schülerinnenhaft aus. Überzeugender spielten Luca Lombardo den hasserfüllten Juden Eléazar, der davon besessen ist, sich an den Christen zu rächen, und Nicolai Karnolsky den gravitätischen Kardinal Brogni.

Staatsphilharmonie überzeugte

Dirigent Guido Johannes Rumstadt hatte einmal mehr eine sehr glückliche Hand mit dieser Grand Operá. Die Staatsphilharmonie Nürnberg trumpfte gehörig auf und spielte ausgesprochen sängerfreundlich, also diszipliniert, flexibel und aufmerksam. Viel Beifall, auch für das Regieteam. Demnächst wird sich die Bayerische Staatsoper in München an Halévys "Jüdin" versuchen - die Oper hat viele Interpretationen verdient.

 

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