Kultur

Comic über Geiselnahme in Tschetschenien

111 Tage Einsamkeit

vor 2 Monaten

Der Kanadier Guy Delisle hat als Comicreporter über seine Zeit in Nordkorea und China geschrieben. Jetzt liegt mit "Die Geisel" seine erste nicht autobiographische Graphic Novel vor, die von einer Entführung im Kaukasus handelt. Von Martin Zeyn

Morgens. Männer dringen ins Haus ein. Christophe André, Mitarbeiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im Kaukasus, meint, etwas wie "Milizia" zu verstehen - also Polizei. Aber rasch wird ihm klar, diese Männer wollen ihn entführen, um Lösegeld zu erpressen. Sie verschleppen ihn nach Grosny. 1997 herrscht in der Stadt noch das Kriegsrecht, aber die Entführer passieren ohne Schwierigkeiten jede Polizeikontrolle.

Drei Monate lang in einem Zimmer

Und nun sitzt André in einem Zimmer, mit Handschellen angekettet an den Heizkörper. Niemand spricht seine Sprache, er versteht kaum Russisch. Nichts passiert. Nur die Mahlzeiten, der Klogang und manchmal ein Fußballspiel im Fernsehen unterbrechen die Monotonie. Er hat nichts zu lesen, nichts zu tun. Er wartet, dass etwas passiert, er endlich freigekauft wird.

Bis nach 111 Tagen ein Entführer eine Nachlässigkeit begeht - und André fliehen kann. Und dabei andere Tschetschenen erlebt, die ihm helfen, obwohl sie ihn nicht kennen oder auch nur verstehen.

Intensive Monotonie

Delisle hat bisher immer einen karikaturhaften Stil gepflegt, der etwas Strichzeichenhaftes an sich hatte. Diesmal sind seine Zeichnungen detaillierter, auch nutzt er geschickt Grautöne, um seinen Bildern Tiefe zu verleihen. Was überrascht: Delisle gelingt es, die Monotonie so intensiv zu zeichnen, dass dem Leser, obwohl lange nichts passiert, doch nie langweilig wird.

"Geisel" von Guy Delisle ist im Reprodukt Verlag erschienen und kostet 29 Euro. Aus dem Französischen hat es Heike Drescher übersetzt.

Quelle: Bayern 2
23.03.2017

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