Kultur

Musical-Premiere am Mainfrankentheater

Hoodies und Hohepriester: "Jesus Christ Superstar" ohne Kitsch

vor 2 Monaten

Die Musik groovt auch noch nach fast 50 Jahren, die Story bleibt aktuell: "Jesus Christ Superstar" begeisterte in Würzburg die Zuschauer, ganz ohne Flower-Power-Karneval und Passionsspiel-Optik. Ernst statt Glamour. Nachtkritik von Peter Jungblut.

Ja, fundamentalistische Christen haben sich vor knapp fünfzig Jahren, bei der Uraufführung in New York, tatsächlich furchtbar aufgeregt über "Jesus Christ Superstar". Vielleicht haben sie das Musical damals ja missverstanden, womöglich aber auch nur sehr genau hingesehen: Um den biblischen Jesus geht es nämlich eigentlich gar nicht beim Komponisten Andrew Llyod Webber und seinem Textdichter Tim Rice. Vielmehr liegt die Betonung eindeutig auf "Superstar": Dieser Messias könnte überall und zu allen Zeiten predigen, er ist eine Heilsfigur, die sich selbst überfordert und die Fans enttäuscht - das passiert bekanntlich immer wieder: Im Sport, in der Musik, im Film, keineswegs nur in der Religion.

Herodes mal nicht als Tunte

Insofern war es konsequent, dass das Würzburger Regieteam die Handlung auf eine bühnenbreite Showtreppe verlegte. Was wäre einem "Superstar" angemessener als ein großer Auftritt? Drumherum jede Menge Scheinwerfer-Batterien, viel Show-Licht, aber es blieb überraschend düster. Überhaupt sparte sich die französische Regisseurin Pascale-Sabine Chevroton jeden Musical-Glamour und Flower-Power-Firlefanz. Geschickt wich sie allen Klischee-Fallen aus und setzte überraschend deutlich auf Ernsthaftigkeit, ohne deshalb etwa ins - in diesem Fall völlig unpassende - Passionsspiel abzugleiten oder gar frömmlerisch zu werden. Es war wohltuend, König Herodes mal nicht als kreischige Tunte zu erleben, sondern als diabolische Führungskraft.

Apostel sind allesamt lässig drauf

Pontius Pilatus foltert Jesus nicht etwa aus angeborener Grausamkeit, sondern verpasst ihm Elektroschläge, um ihn zur Besinnung zu bringen. Nur so wäre der "Superstar" ja vor seinen frustrierten Fans noch zu retten. Die Apostel, darunter auch Frauen, sind sämtlich coole Typen in schlurfigen Klamotten und Kapuzenshirts, neudeutsch Hoodies, allesamt lässig drauf, easy-going, jederzeit bereit, alles mögliche zu glauben, aber nicht unbedingt zuverlässig. Judas ist an seinen feuerroten Sneaker-Schuhen und am förmlichen Sakko erkennbar: Francisco del Solar spielte ihn eine Spur zu wenig energiegeladen, zu wenig aggressiv in seiner bodenlosen Enttäuschung.

"Superstar" hängt an der Beleuchtungsbrücke

Christopher Brose als Jesus dagegen überzeugte mit seinem Rollenporträt in jeder Hinsicht: Bescheiden, unsicher, zweifelnd, zerbrechlich, niemals auftrumpfend oder bombastisch. Ein Superstar mit Hemmungen, mit dunklen Ahnungen, der am Ende ausgerechnet an einer Beleuchtungsbrücke hängend in den Himmel fährt, während Judas neben ihm baumelt. Das Volk schlurft unterdessen im blütenweißen Outfit der nächsten Heilserwartung entgegen, wie Sekten halt so sind.

Leidensfähigkeit ist nicht ihre Stärke

Dank der schnörkellosen Ausstattung von Alexandra Burgstaller ist das alles absolut zeitlos, bildstark, eindringlich, kitschfrei. Gar nicht so leicht, ein so betagtes Musical von 1971 optisch so sehr an die Jugendkultur von heute heranzurücken und dabei glaubwürdig zu bleiben. Nur so macht "Jesus Christ Superstar" überhaupt Sinn: Als Geschichte von leidenschaftlichen, jungen Idealisten, die der Wirklichkeit in keiner Weise gewachsen sind. Leidensfähigkeit ist nicht ihre Stärke. Die bösen Hohenpriester müssen gar nicht viel Druck machen, schon fällt die Begeisterung in sich zusammen.

Hier gerät eine Sehnsucht aus den Augen

Dirigentin Marie Jacquot, auch sie Französin, war ähnlich zurückhaltend-ironisch wie das Regieteam. Das passte somit zwar perfekt zusammen, aber mehr musikalischer Kontrast, mehr Furor im Orchestergraben hätte dem Abend noch mehr Schärfe gegeben, manche Nummer emotional aufgeladen. Insgesamt ein umjubelter Musicalabend und ein großer Erfolg für das Mainfrankentheater: Musical muss weder inhaltlich flach sein, noch glitzernd und gleißend bebildert werden. Am Ende verliert sich die Showtreppe im Bühnennebel - und es war zu ahnen: Hier gerät eine große Sehnsucht aus den Augen.

Quelle: B5 Kultur
26.03.2017 - 12:35 Uhr

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