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Lachen mit Heidegger: "Die Banalität der Liebe" in Regensburg

vor 4 Monaten

Zum Holocaust-Gedenktag eine neue Oper über den Nazi-Mitläufer und Star-Denker Martin Heidegger und die Soziologin Hannah Arendt: Das war ein gewagtes Projekt, doch der Mut wurde belohnt - mit überraschend viel Humor. Nachtkritik von Peter Jungblut.

Ja, es gibt in dieser Oper schwarzen Humor, jede Menge sogar, auch Ironie, es darf gelacht werden und geschmunzelt, es gibt einige derbe, groteske Stellen - und trotzdem ist diese Oper insgesamt tiefernst, fesselnd, packend von der ersten bis zur letzten Minute: Was für eine Leistung! Da ist der israelischen Komponistin Ella Milch-Sheriff nach einem Libretto von Savyon Liebrecht wirklich ein ganz großer Wurf gelungen - ihr Mut wurde belohnt, denn Mut ist schon nötig für eine Oper über den Philosophen Martin Heidegger und die Soziologin Hannah Arendt.

Streitbare Kettenraucherin

Ihn konnte kaum jemand verstehen, sie wollte kaum jemand verstehen. Seine Sprache ist unverständlich, ihre Sprache ist unbequem: Ein berühmtes Liebespaar, der Nazi und die Jüdin, der selbstverliebte Großdenker und die streitbare Kettenraucherin, das hätte peinlich werden können, wirr oder bemüht. Stattdessen überzeugte "Die Banalität der Liebe" in jeder Hinsicht, nicht gerade eine häufige Erfahrung bei neuen Opern, schon gar nicht, wenn sie philosophischen Ehrgeiz haben.

Wie "normal" war Eichmann?

Milch-Sheriff zeigt eine sadomasochistische Liebesgeschichte zwischen dem alten Professor Heidegger und der jungen Studentin Arendt, natürlich ein Gleichnis auf das Verhältnis von Deutschen und Juden. Heidegger biederte sich Hitler an, war ein schmieriger Opportunist und Antisemit, Hannah Arendt ging nach Jerusalem, beobachtete dort den Prozess gegen den Organisator der Judenvernichtung, Adolf Eichmann, und kam zum Ergebnis, dass das Furchtbarste an Eichmann dessen biedere, spießige und unterwürfige Normalität war. Arendts Behauptung von der "Banalität des Bösen" empörte damals die halbe Welt und sorgt bis heute für Debatten.

Für Heidegger reicht ein Leben nicht

Als ob das nicht schon genug schwerer Ballast für eine Oper wäre: Heideggers Philosophie ist ja auch nicht gerade in zwei Sätzen zusammenzufassen. Mit seinen Gedanken über das Dasein als solches, über Todesangst und Todessinn revolutionierte er die geistige Welt, wurde ein universitärer Superstar, das Problem: Ein Leben reicht in der Regel nicht, ihm auf all seinen Pfaden zu folgen. Ella Milch-Sheriff macht das ganz herrlich: Bei ihr doziert der eitle Philosoph zu den Klängen einer Mandoline - was er sagt, ist völlig egal, er wird von seinen Studenten aus Prinzip angehimmelt.

Seminar ohne Langweile

Musikalisch ist das über zwei Stunden hinweg ein außerordentliches Vergnügen, weil die Komponistin unbekümmert mit Zitaten spielt von Johann Sebastian Bach und das deutsche Volkslied über Richard Wagner bis hin zu Leonard Bernstein. Zum Eichmann-Prozess dröhnt die Orgel, um das Versagen der Kirchen im Holocaust anzuprangern, die Blechbläser sind zuständig für das hohle Pathos der angeblich so überlegenen "deutschen Kultur". Ja, das ist ein Seminar, aber eines ohne Zeigefinger und Langeweile! Ein Seminar über die Welt und die grundsätzlichste aller Fragen - was sie eigentlich im Innersten zusammenhält.

Prinzip Psychoanalyse funktioniert

Insofern war es ein guter Einfall von Regisseur Itay Tiran, die "Banalität der Liebe" als Teufelspakt zu zeigen: Heidegger als Mephisto und Hannah Arendt als weiblichen Faust, der alles wissen will und am Ende in einen Abgrund blickt. Ausstatter Florian Etti hatte zwei fahrbare schwarze Wandelemente entworfen, eine intellektuelle Kampfarena, bevölkert von lauter Hannah Arendt-Figuren, die alle an der Zigarette saugen, ihre Frisur und ihr Kostüm tragen. Ein antiker Chor, der seinen Kommentar abgibt zur unmöglichen Liebe zwischen Täter und Opfer. Hört sich plakativ hat, aber in diesem Fall hat das Prinzip Psychoanalyse tatsächlich bildmächtig funktioniert: Der Chor als Über-Ich, als Gewissens-Instanz, die junge Arendt als "Es", also instinktgesteuertes Wesen, die reife Arendt als "Ich", das nach schweren inneren Auseinandersetzungen zur Identität, zum Selbstvertrauen findet.

In Heidegger ist Musik

Alle waren an dieser eindrucksvollen Gesamtleistung beteiligt: Der souveräne Dirigent Tom Woods, das bestens geprobte Orchester, der intensiv präsente Chor, die schauspielerisch durchweg überzeugenden Solisten, darunter die auch stimmlich starke Vera Semieniuk als ältere Hannah Arendt und Angelo Pollak als junger Heidegger. Sara-Maria Saalmann war eine unglaublich natürliche, klischeefreie junge Arendt, Matthias Störmer ein leidenschaftlicher jüdischer Student. Stehender Beifall für eine ganz und gar nicht anstrengende, dafür bereichernde, anregende und gewitzte Uraufführung. Keine Ahnung, ob zwischen Heidegger und Arendt Liebe war - Musik auf jeden Fall!


Wieder am 31. Januar, 4. und 20. Februar, sowie weitere Termine.

Quelle: B5 Kultur
28.01.2018 - 11:35 Uhr

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